Gesundheitsprävention geht alle Ministerien an
Ausgabe 20 | 2026
Datum 09.09.2026
Führende Wissenschafts- und Gesundheitsorganisationen fordern ressortübergreifende Strategie
Bettina Rockenbach (Präsidentin Leopoldina), Wolfgang Wick (WR-Vorsitzender), Rita Schmutzler (Präsidentin Deutsche Krebshilfe), Gerd Nettekoven (Vorstand Stiftung Deutsche Krebshilfe), Tanja Samrotzki (Moderation), Michael Baumann (Vorstandsvorsitzender Deutsches Krebsforschungszentrum), © Peter-Paul Weiler
Prävention muss zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe werden und deutlich stärker als bisher in allen Politikfeldern verankert werden. Darin sind sich die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, der Wissenschaftsrat, das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) und die Deutsche Krebshilfe einig. Angesichts der demografischen Entwicklung, steigender Belastungen für das Gesundheitssystem und der wissenschaftlichen Evidenz für die Wirksamkeit präventiver Maßnahmen fordern sie in einer gemeinsamen Stellungnahme eine ressortübergreifende Strategie: Prävention ist als Investition in Gesundheit, gesellschaftliche Teilhabe, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und in die langfristige Stabilität des Gesundheitssystems zu verstehen.
An einem gemeinsamen parlamentarischen Abend der vier Organisationen in Berlin diskutierten die jeweiligen Präsidentinnen, Vorsitzenden bzw. Vorstandsvorsitzenden mit Vertreterinnen und Vertretern aus Bundesregierung, Bundestag, Ländern, Gesundheitsselbstverwaltung und Wissenschaft, wie ein gesamtgesellschaftlicher Kulturwandel gelingen kann. In einem gemeinsamen Statement sind die aus Sicht der Organisationen zentralen Maßnahmen zusammengefasst:
- Prävention überall mitdenken
Gesundheit wird nicht allein im Gesundheitswesen gestaltet. Deshalb muss Prävention zu einer gemeinsamen Aufgabe aller relevanten Politikbereiche werden – von Bildung und Arbeit über Verkehr und Stadtentwicklung bis hin zu Umwelt und Soziales.
- Forschung besser vernetzen und Kräfte bündeln
Präventionsforschung braucht das Wissen zahlreicher Fachrichtungen, die untereinander sowie mit Praxis, Politik und Gesundheitswesen noch stärker vernetzt werden müssen.
- Gesunde Lebensbedingungen zum Standard machen
Ob in Kita und Schule, am Arbeitsplatz, im Wohnviertel oder in der Pflege: Die Bedingungen, unter denen Menschen leben, lernen und arbeiten, beeinflussen ihre Gesundheit. Prävention muss deshalb in diesen alltäglichen Lebenswelten ansetzen und Rahmenbedingungen schaffen, die für die allgemeine Gesundheit förderlich sind.
- Menschen befähigen, gute Entscheidungen für ihre Gesundheit zu treffen
Wer Gesundheitsinformationen verstehen und einordnen kann, kann im Alltag bessere Entscheidungen treffen. Bildung und Gesundheitskompetenz sollten deshalb früh vermittelt und ein Leben lang gestärkt werden – verständlich, alltagsnah und für alle leicht zugänglich.
Prof. Dr. Bettina Rockenbach, Präsidentin der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, sagte:
„Prävention ist von zentraler Bedeutung, nicht nur für ein möglichst gesundes langes Leben, sondern auch zur Stabilisierung unseres Gesundheitssystems. Prävention ist eine Zukunftsaufgabe, die weit über das Gesundheitswesen hinausgeht und viele Gesellschaftsbereiche betrifft. Wichtige Faktoren, die die Gesundheit wirksam fördern und bestimmte Krankheiten verhindern sind wissenschaftlich gut erforscht – was uns fehlt, ist eine gemeinsame Strategie zur konsequenten Umsetzung. Dies gilt es jetzt anzugehen.“
Prof. Dr. Michael Baumann, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), erklärte: „Rund 40 Prozent aller Krebsneuerkrankungen wären nach heutigem Wissensstand vermeidbar. Leider schaffen wir es nach wie vor nicht, dieses Potenzial zu nutzen. Was jeder Einzelne tun kann, um sein Krebsrisiko zu senken, ist seit langem bekannt – wir scheitern aber daran, dieses Wissen in die Anwendung bringen. Das Nationale Krebspräventionszentrum bauen wir in strategischer Allianz mit der Deutschen Krebshilfe genau mit diesem Ziel auf. Es kann eine Blaupause auch für andere vermeidbare Volkskrankheiten wie Diabetes, Demenz oder Herz-Kreislaufleiden dienen.“
Prof. Dr. Rita Schmutzler, Präsidentin der Deutschen Krebshilfe, sagte: „Hinter jeder verhinderten Krebserkrankung steht ein Mensch, dem Leid, belastende Therapien und oft auch existenzielle Ängste erspart bleiben. Prävention bedeutet deshalb weit mehr als die Vermeidung von Krankheit – sie bedeutet mehr Lebensqualität, mehr Lebenszeit und mehr Gesundheit für Millionen Menschen. Dieses Potenzial müssen wir endlich entschlossener nutzen – und dazu brauchen wir die Politik, wir brauchen eine verbindliche politischen Koordination für die Prävention.“
Prof. Dr. Wolfgang Wick, Vorsitzender des Wissenschaftsrats, sagte: „Deutschland braucht einen gesundheitsorientierten Kulturwandel, der Prävention über Reparatur stellt – nicht nur in der Gesundheitspolitik, sondern in allen politischen Bereichen. Gesundheit ist nicht nur mitzudenken, sondern sollte als verbindliche Zielgröße für ressortübergreifendes politisches Handeln in allen Politikbereichen verankert werden.“
Die vier Organisationen appellieren an die politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger, die notwendigen Rahmenbedingungen für eine wirksame und nachhaltige Präventionspolitik zu schaffen. Die Umsetzung der vorgeschlagenen Maßnahmen erfordere einen gesamtgesellschaftlichen Kulturwandel, der Verhältnis- und Verhaltensprävention konsequent zusammendenkt. Davon würden nicht nur die Gesundheit und Lebensqualität der Bevölkerung profitieren, sondern auch die Innovations- und Leistungsfähigkeit Deutschlands insgesamt.
Der parlamentarische Abend „Prävention im Mittelpunkt – Maßnahmen für einen gesamtgesellschaftlichen Kulturwandel“ fand am 8. September 2026 in Berlin statt.