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Wissen und Wirkung – Wie macht Wissenschaft Deutschland innovativer?

Tagung des Wissenschaftsrats zu wissenschaftsbasiertem Transfer und Innovation

Foto der Tagung Wissen und Wirkung, 6. März 2026 Tagung | Wissen und Wirkung, 6. März 2026 Teilnehmende der Tagung "Wissen und Wirkung | Herausforderungen im wissenschafts-basierten Innovationsprozess"

Deutschland und Europa leiden unter Innovationsschwäche. Ob es um Unternehmensgründungen aus der Wissenschaft, aus forschungsintensiven Industriebranchen oder wissensintensiven Dienstleistungen geht – die Zahlen bleiben hinter denen von Mitbewerbern wie den USA oder China weit zurück. Auch das Produktivitätswachstum ist gering. Wieso gelingt es trotz im internationalen Vergleich weiterhin starker Forschung so schlecht, aus Wissen den Transfer in innovative und am Markt erfolgreiche Anwendungen zu schaffen?

Rund 40 Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik diskutierten bei der Tagung „Wissen und Wirkung – Herausforderungen im wissenschaftsbasierten Innovationsprozess“ des Wissenschaftsrats am 6. März 2026 in Köln, wie Deutschland und Europa die Innovationsschwäche überwinden können.

Dass die Basis, nämlich gute Forschung, stimmt, war Konsens. Ein Haupthindernis für mehr Transfer ist mangelnde Geschwindigkeit. "Wir sind nicht schlechter, aber andere sind schneller geworden", brachte es ein Teilnehmer aus der Industrie auf den Punkt. Um dies zu ändern, sind Politik, Wissenschaft und Wirtschaft gleichermaßen gefordert. Es mangele weniger an Erkenntnissen und guten Vorsätzen, dafür mehr an Umsetzung, Fokussierung und Vereinfachung im über die letzten Jahre unübersichtlich gewachsenen System, das Transfer und Innovationen eigentlich fördern soll.

Aus Sicht der Politik stellt sich das Geschwindigkeitsproblem in doppelter Hinsicht. Noch gebe es Rückhalt für Investitionen in die Wissenschaft. Solange dies so ist, müssten notwendige Veränderungen schnell umgesetzt werden, damit Innovationen spürbar und so die gesellschaftlichen Erwartungen an die Wirksamkeit von Wissenschaft erfüllt werden, die der Wissenschaftsrat in seinem Papier zu den Perspektiven der Wissenschaft in Deutschland bis 2040 beschrieben hat.

Auch das bisherige Fördersystem müsste an die Herausforderungen angepasst werden. "Weniger Gießkanne, mehr Fokus, weniger Gleichheit", formulierte ein Teilnehmer die Erwartung, dass Fördermittel konsequent nach Impact und Dringlichkeit priorisiert werden. Weniger kleinteilige Projektförderung, weniger Ausrichtung nach einzelnen Einrichtungen, dafür mehr Mut und Flexibilität bei Förderentscheidungen.

Ausgründungen und Startups brauchen mehr Risikokapital, wie der Vergleich mit den USA deutlich macht, in denen der Anteil des Risikokapitals 0,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht – im Vergleich zu 0,2 Prozent in Deutschland. Notwendig sind deshalb Erleichterungen für Beteiligung staatlicher Einrichtungen, Stiftungen und privater Equity Offices an Startups. Nötig ist aber auch eine höhere Risikobereitschaft der Investoren. "In den USA bekommt man Geld schon kurz nachdem man nur seinen Namen genannt hat. In Deutschland braucht man mindestens einen glitzernden Prototypen, der am besten marktreif ist, bevor Wagniskapital fließt", so eine Erfahrung aus der Wissenschaft.

Die Umsetzung von wissenschaftlichen Erkenntnissen in den Markt ist auch eine Frage der Kultur auf vielen Ebenen und bei allen Akteuren. Um die Kultur in Richtung Unternehmergeist und Wagemut zu verändern, sind positive Beispiele ebenso nötig wie Freiheit sowie weniger Kontrolle und Bürokratie. Schritte hin zu mehr Vertrauen statt Misstrauen, mehr Schauen auf Ergebnisse statt auf Mittelverwendungsnachweise beginnen  Schule zu machen, etwa in Einrichtungen wie der Innovationsagentur SPRIND GmbH. Auch die Hightech Agenda der Bundesregierung wurde von den Teilnehmenden als positives Beispiel aus der Politik wahrgenommen, um Transfer zu unterstützen – in diesem Fall durch eine thematische Fokussierung. Dass eine stärkere politische Steuerung durch Schwerpunktsetzungen in Zeiten angespannter Haushalte zu Ressourcenkonflikten gegenüber themenoffener Förderung führen kann, macht deutlich, dass das Ziel von mehr Innovation und Anwendung das Wissenschaftssystem in Zukunft grundsätzlich verändern könnte. Dass dabei rein erkenntnisorientierte Forschung weiterhin gefördert werden muss, wurde einhellig betont.

Auch seitens der Wirtschaft wurden Verbesserungsmöglichkeiten identifiziert. So unterhielten kleine und mittelständische Unternehmen oftmals wenig Kontakt zur Wissenschaft und wüssten wenig um Fördermöglichkeiten. Dabei liegt über die Zusammenarbeit mit großen Unternehmen und Konzernen hinaus gerade in der Kooperation mit kleinen Unternehmen und Hidden Champions viel ungenutztes Potenzial. Grundsätzlich müsse die Frage geistigen Eigentums in der Zusammenarbeit mit Wissenschaft besser geregelt werden. Hier reiben sich die wissenschaftliche Ausrichtung auf Offenheit und möglichst rasche Publikationen mit den Interessen der Industrie. Zu oft schreckten Unternehmen vor Kooperationen zurück aus der Befürchtung, dass Wissen bei Marktkonkurrenten landen könnte. Auch müsse Innovation aus Sicht der Wirtschaft immer in größeren internationalen Zusammenhängen gedacht werden. Nicht jede Innovation könne und müsse in Deutschland umgesetzt werden – zum Teil auch aufgrund gesellschaftlicher Vorbehalte, etwa gegen Gentechnik.

Um die auch in der Wissenschaft nötigen Kulturveränderungen zu erreichen, könnten neben positiven Beispielen vor allem konkrete Anreize helfen. Etwa, indem die Entwicklung von Protototypen als Leistung für eine Promotion anerkannt wird oder ein Patent mit Verwertungspotenzial den gleichen Rang wie Veröffentlichung eines Papiers in Nature oder Science erhält. Auch könnten Stellen statt anhand von Zitationsmetriken nach geleistetem Impact besetzt werden. Leitungen von Transferbüros könnten besser bezahlt und mit Personal aus der Industrie besetzt werden. Transferleistungen oder geschaffene Arbeitsplätze könnten zu Kennzahlen für Förderentscheidungen gemacht werden.

Als weiteres Beispiel wurde diskutiert, dass in der Hochschullehre mehr auf die verschiedenen gesellschaftlichen Wirkungserwartungen an die Wissenschaft hingezielt werden sollte und beispielsweise neben der Professur als Berufsziel auch auf eine Karriere in Transfer und Anwendung vorbereitet wird. Die personelle Durchlässigkeit zwischen Unternehmen und Akademia müsste besser werden – eine Forderung, die sich an beide Seiten, an die Wirtschaft wie auch an Hochschulen und Forschungeinrichtungen richtet.

Dass Innovation auch eine kulturelle Frage, eine von Einstellungen, von Vertrauen und Risikobereitschaft ist, war ein großer gemeinsamer Nenner der Tagung. Politik, Wirtschaft und Wissenschaft haben zahlreiche konkrete Möglichkeiten, eine solche Kultur zu unterstützen.

Foto: Wissenschaftsrat / Georg Scholl