Wissenschaft und Demokratie: Wissenschaftsrat lädt zum Dialog ein
Ausgabe 24 | 2026
Datum 02.11.2026
Zehn Impulse zur Rolle der Wissenschaft in der freiheitlich-demokratischen Gesellschaft
Welchen Beitrag kann und soll die Wissenschaft zur freiheitlich-demokratischen Gesellschaft leisten? Mit einem heute veröffentlichten Impulspapier will der Wissenschaftsrat eine Diskussion über diese Frage anstoßen. Das Papier formuliert zehn Impulse: von der Balance zwischen wissenschaftlicher Selbstbestimmung und gesellschaftlichen Erwartungen über Werte und Wertkonflikte (in) der Wissenschaft bis zu erforderlichen Solidaritätsmaßnahmen im Wissenschaftssystem. Dabei geht es nicht um abschließende Empfehlungen, sondern um Thesen, Anregungen und Fragen, mit denen auch Spannungsverhältnisse offengelegt werden, die der Wissenschaftsrat gemeinsam mit Wissenschaft, Politik und Gesellschaft weiter erörtern möchte.
Der Anlass ist drängend: Demokratische Institutionen und der gesellschaftliche Zusammenhalt stehen unter Druck. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden in Frage gestellt sowie einzelne Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bedrängt und angefeindet. Hochschulen sind immer öfter Orte von Auseinandersetzungen über die Meinungsfreiheit.
„Wissenschaftsfreiheit bedeutet, wissenschaftliche Entscheidungen nach wissenschaftlichen Kriterien zu treffen, nicht aber Unabhängigkeit von gesellschaftlichen Erwartungen“, sagt der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Wolfgang Wick. „Eigene Annahmen immer wieder zu prüfen, Widerspruch zuzulassen und Fakten von Meinungen zu unterscheiden, ist wissenschaftliche Praxis und zugleich eine Grundlage demokratischer Prozesse. Eine Wissenschaft, die sich ihrer Verantwortung und ihrer Werte bewusst ist, kann und muss zur Weiterentwicklung unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft beitragen“, so Wick.
Zu jedem Impuls benennt das Papier Diskussionspunkte. Dazu zählen etwa die Grenzen legitimer politischer Prioritätensetzung in der Forschungsförderung, der Umgang mit Machtmissbrauch und anderen Fehlentwicklungen innerhalb des Wissenschaftssystems, die soziale Selektivität des deutschen Bildungssystems oder die Frage, wie Wissenschaftskommunikation in digitalen Medien sachorientiert und dialogfähig bleiben kann. Besondere Aufmerksamkeit widmet das Papier den rund 2,9 Millionen Studierenden als größter Gruppe im Wissenschaftssystem und als wichtige Brücke zwischen Wissenschaft und Gesellschaft.
Das Papier richtet den Blick auch nach innen: Wo Wettbewerbs- und Beschleunigungsdruck, prekäre Beschäftigung oder Machtmissbrauch wissenschaftliche Qualität und Vertrauen beeinträchtigen, muss die Wissenschaft ihre kritische Haltung auch auf sich selbst richten.
Der Wissenschaftsrat versteht das Impulspapier als Plädoyer und als Anstoß zur Debatte. Der Wissenschaftsrat lädt deshalb alle Akteure des Wissenschaftssystems und der Wissenschaftspolitik ebenso wie Wirtschaft, Kultur, Medien und Zivilgesellschaft ein, die Impulse gemeinsam aufzugreifen. Hierzu ist unter anderem für das Frühjahr 2027 ein gemeinsames Symposium mit der Alexander Humboldt-Stiftung, der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Hochschulrektorenkonferenz sowie die Beteiligung an weiteren Formaten geplant.
Impuls 1 – Wissenschaftliche Selbstbestimmung und gesellschaftliche Erwartungen ausbalancieren
Die Aufgaben der wissenschaftlichen Arbeit werden sowohl innerwissenschaftlich als auch durch außerwissenschaftliche Akteure und Rahmenbedingungen bestimmt. Über diese Aufgaben der Wissenschaft nachzudenken, bedeutet auch, die gesellschaftliche Einbettung der Wissenschaft, ihre Verantwortung und Wirksamkeit ebenso wie ihren Eigenwert zu reflektieren, transparent zu machen und auszugestalten.
Diskussionspunkte und Spannungsverhältnisse
- Wie lassen sich Verwertungsinteressen (etwa der Politik oder Wirtschaft) und erkenntnisgetriebene, langfristige und risikoreiche Forschung in Ein-klang bringen, ohne dass ein Bereich von Forschung den anderen verdrängt?
- Wie verändert sich eine zunächst genuin wissenschaftlich motivierte Aufgabe, wenn sie via Förderhandeln, Anreizsetzungen oder Hochschulgesetzen beeinflusst wird? Wie verhält sich Wissenschaft, wenn gesellschaftlich geteilte normative Anliegen (wie etwa Nachhaltigkeit, Diversität, Sicherheit oder Teilhabe) über Förderkriterien, Zielvereinbarungen oder gesetzliche Vorgaben an sie herangetragen werden? Welchen wissenschaftsinhärenten Stellenwert haben diese Anliegen?
- Gibt es einen Konsens dafür, dass aus den besonderen Rechten, die die Gesellschaft der Wissenschaft einräumt, unabweisbare Pflichten für die Wissenschaft resultieren?
- Wie kann Wissenschaft gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, ohne ihre epistemische Freiheit aufzugeben?
Impuls 2 – Eigenlogiken von Wissenschaft und Politik anerkennen und austarieren
Wissenschaft muss als Erkenntnis- und Reflexionsinstanz gegenüber der politischen Entscheidungssphäre eigenständig bleiben. Die Gestaltung der Grenzarbeit zwischen Wissenschaft und Politik – sowie auch anderen gesellschaftlichen Bereichen – erfordert besondere Aufmerksamkeit, geeignete Techniken, systematische Rollen- und Funktionsklärung sowie einen offenen und respektvollen Diskurs.
Diskussionspunkte und Spannungsverhältnisse
- Wo liegen die Grenzen legitimer politischer Prioritätensetzung in Forschungsförderung und Wissenschaftspolitik? Unter welchen Bedingungen gefährden politische Vorgaben die funktionale Eigenlogik der Wissenschaft (inklusive ihrer unterschiedlichen Institutionentypen)?
- Sind „Entpolitisierung“ der Wissenschaft oder der Rückzug in den „Elfenbeinturm“ geeignet, um die Differenz hin zur Politik zu betonen? Oder bedarf es des Gegenteils, um die erforderliche Grenzarbeit leisten zu können?
- Wissenschaft ordnet Wissen ein und berät, Politik entscheidet – wie lässt sich diese knappe Unterscheidung unter Bedingungen öffentlicher Polarisierung (etwa verstärkt durch Soziale Medien), technischer Veränderungen (z. B. durch Künstliche Intelligenz), Krisendruck und wachsender Erwartungen an wissenschaftliche Expertise aufrechterhalten und ggf. breiter gesellschaftlich vermitteln? Welche innerwissenschaftlichen Faktoren, Interessen und Anreizsysteme befördern eine Vermischung der beiden Sphären? Welche Verfahren sind sinnvoll, um die Grenzarbeit aus den unterschiedlichen Perspektiven zu gestalten?
Impuls 3 – Werte und Wertkonflikte (in) der Wissenschaft reflektieren und artikulieren
Die Standards wissenschaftlicher Integrität beruhen auf Wertorientierungen und Wert-entscheidungen, die sowohl dem wissenschaftlichen Erkenntnisstreben unterliegen als auch von gesellschaftlichen Implikationen geprägt sind. Wissenschaftliche Einrichtungen und ihr Personal tragen daher die Verantwortung, die Wertorientierungen und Wertentscheidungen kontinuierlich zu reflektieren und transparent offenzulegen – dies auch, um wissenschaftliche Erkenntnis- und Verfahrensweisen weiterzuentwickeln.
Diskussionspunkte und Spannungsverhältnisse
- Welche Werte hat und wie viele Werte verträgt die Wissenschaft?
- Was sind die Bedingungen und Grenzen von Wertorientierungen und Wertentscheidungen in der Wissenschaft? Wie wird wissenschaftliche Intervention oder Beratung innerhalb gesellschaftlicher Diskurse von ideologischen Positionierungen abgegrenzt? Wie können primär innerwissenschaftliche Aushandlungsprozesse gesellschaftlich transparent gemacht werden?
- Wie kann der Prozess, epistemische und nicht-epistemische Prinzipien in der wissenschaftlichen Erkenntnisorientierung auszubalancieren, gestärkt werden? Wie verändern neue technische Entwicklungen (wie etwa Künstliche Intelligenz und ihre Weiterentwicklung) mit ihrem Einfluss auf wissenschaftliche Praktiken dieses Verhältnis?
- Welche fachübergreifenden Standards sind erforderlich, damit die Reflexion von Wertorientierungen und Wertentscheidungen in Forschung und Lehre in allen Disziplinen als grundlegende wissenschaftliche Praxis verankert werden kann?
Impuls 4 – Selbstkritik im Wissenschaftssystem organisieren
Wissenschaft muss äußere Angriffe bewältigen, ohne hermetisch zu werden. Ihre Glaubwürdigkeit und Widerstandskraft gründen auf der Fähigkeit, nach innen Veränderungsbereitschaft zu erhalten und nach außen mit gesellschaftlichen Akteuren vertrauensvolle Allianzen zu schmieden. Wo überhitzter Wettbewerbs- und Beschleunigungsdruck, prekäre Beschäftigung, Machtmissbrauch oder unfaire Entwicklungsperspektiven wissenschaftliche Qualität, Kooperation und Vertrauen beeinträchtigen, ist das Wissenschaftssystem mit all seinen Personen und Einrichtungen und unter Einschluss der Wissenschaftspolitik gefordert, seine kritische Haltung auch auf sich selbst zu richten.
Diskussionspunkte und Spannungsverhältnisse
- Wie müssen Rahmenbedingungen und Anreize angepasst werden, um kritische Selbstreflexion und die Bereitschaft zur Veränderung zu fördern?
- Was braucht es, damit die zentralen Akteure des Wissenschaftssystems die genannten strukturellen Probleme erkennen, rasch bearbeiten und nachhaltig verändern können? Wie müssen wissenschaftliche Einrichtungen, Fachgesellschaften, Förderorganisationen, Politik und die verschiedenen Statusgruppen zusammenwirken, damit die notwendigen Veränderungen angestoßen und umgesetzt werden können?
- Welche Rolle spielen internationale Forschungs- und Wissenschaftsräume und internationale Wissenschaftskonkurrenz bei den beschriebenen Entwicklungen? Welche Lösungsschritte sind national, welche in internationaler Perspektive erforderlich?
- Tragen die Metriken, mit denen wissenschaftliche Erfolge gemessen werden, heute noch?
- Wie soll mit den Disruptionen im Antrags- und Publikationswesen angesichts der Entwicklung in der Künstlichen Intelligenz und der zunehmenden Schwierigkeit, menschliches Verstehen sicherzustellen, umgegangen werden? Welche veränderten Qualitätssicherungssysteme müssen in der Wissenschaft wirksam werden?
- Wie werden demgegenüber durch innere und äußere Faktoren notwendig werdende Disruptionen stimuliert und gestaltet (etwa hinsichtlich künftiger Finanzierungs- und Konsolidierungsbedarfe der Wissenschaft)?
Impuls 5 – Teilhabe und Vielfalt in der Wissenschaft stärken
Teilhabe, Vielfalt, Gleichstellung und chancengerechte Zugänge sind wesentliche funktionale Voraussetzungen eines leistungsfähigen Wissenschaftssystems. Wissenschaft profitiert von breiten Kompetenzen, Erfahrungen und Perspektiven, wenn Bildungs- und Wissenschaftsbiografien unabhängig von sozialen, kulturellen oder anderen nicht-leistungsbezogenen Voraussetzungen ermöglicht werden. Dies erweitert das Spektrum wissenschaftlicher Blickwinkel und Fragestellungen, stärkt die Reflexivität von Erkenntnisprozessen und kann die Qualität wissenschaftlicher Problemlösungen verbessern. Die unzureichende Repräsentation von Frauen in der Wissenschaft ist demgegenüber ein langjährig konstatierter Befund.
Diskussionspunkte und Spannungsverhältnisse
- Das deutsche Bildungssystem ist (weiterhin) im internationalen Vergleich äußerst sozial selektiv. Wie lassen sich Zu- und Übergänge entlang der Bildungs- und Wissenschaftsbiografien – von der Schule über das Studium und die Promotion bis hin zu wissenschaftlichen Leitungspositionen – wirksam chancengerechter und zukunftsfest gestalten? Wie können die soziokulturelle Geschlossenheit der wissenschaftlichen Einrichtungen und insbesondere der Zugang zu den privilegierten Positionen des Wissenschaftssystems geöffnet werden? Bestehen dafür überhaupt der nötige innerwissenschaftliche wie gesellschaftspolitische Konsens oder Wille?
- Wo können zwischen dem Anspruch auf Teilhabe, etablierten Leistungs- und Exzellenzkriterien sowie knappen Ressourcen Spannungen und Widersprüche entstehen – und wie sollten wissenschaftliche Einrichtungen mit ihnen umgehen?
- Wie kann die Willkommenskultur für internationale Studierende und Wissenschaftlerinnen Wissenschaftler gestärkt werden? Wie können sie als gleichberechtigte Mitglieder wissenschaftlicher Gemeinschaften gewonnen, gehalten und wirksam vor Diskriminierung, Ausgrenzung oder Anfeindungen geschützt werden? An welchen Stellen können in bürokratischer Hinsicht Hürden abgebaut und Verfahren (etwa bei Anerkennungsfragen oder Sicherheitserfordernisse) optimiert werden? Wie können Wissenschaft, Wirtschaft und Behörden unkomplizierte Übergänge zwischen den Funktionssystemen ermöglichen?
Impuls 6 – Räume der Wissenschaft infrastrukturell sichern und diskursiv gestalten
Hochschulen und wissenschaftliche Einrichtungen sind zentrale Orte nicht nur wissenschaftlicher, sondern auch sozialer und demokratischer Sozialisation. Deren infrastrukturelle Sicherung stärkt sowohl die innerwissenschaftliche Selbstverständigung als auch die Weiterentwicklung der Demokratie durch direktes wie indirektes Wirken von Wissenschaft in die Gesellschaft hinein. Zentral ist der von der Wissenschaft begleitete und gestaltete Dialog für einen freien Austausch widerstreitender Thesen und Haltungen.
Diskussionspunkte und Spannungsverhältnisse
- Wie können wissenschaftliche Einrichtungen auch unter Bedingungen zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung offene Orte bleiben, an denen nicht Lautstärke, sondern die besseren Argumente überzeugen? Wie können Einrichtungsleitungen darin unterstützt werden, Debattenräume mit einer möglichst pluralen Beteiligung zu ermöglichen?
- Wie können kontroverse Themen offen, fachlich fundiert und mit wissenschaftlicher Methodik behandelt werden? Auf welche Weise können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler darin gefördert und unterstützt werden?
- Wo liegen die Grenzen des freien Diskurses innerhalb der Wissenschaftseinrichtungen? Was sind legitime Gründe dafür, den Diskurs auch zu begrenzen?
- Welche Folgen hat es für wissenschaftliche Zusammenarbeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt, wenn offene Aufenthalts-, Lern- und Begegnungsräume aus Kosten-, Sicherheits- oder Effizienzgründen gefährdet oder (etwa aufgrund mangelhafter Bausubstanz) geschlossen werden?
- Wie wird gesichert, dass im Zuge der Digitalisierung von Lehre und Forschung neue Orte geschaffen, aber auch bestehende erhalten werden, an denen Menschen einander (auch ungeplant) begegnen, Gemeinsamkeiten wie Unterschiede erfahren, Reibungen aushalten und Widerspruch unmittelbar aushandeln?
Impuls 7 – Durch Nahbarkeit Vertrauen in die Wissenschaft stärken
Wissenschaft ist nahbar für die Gesellschaft, wenn ihre Akteure und Einrichtungen erreichbar sind. Dies geschieht über Bildung und Vermittlung von Bildungsinhalten, aber auch durch Kommunikation mit der Gesellschaft, die nicht nur über Erkenntnisse, sondern auch über deren Produktionsbedingungen, Grenzen und Vorläufigkeit Auskunft gibt. Im Dialog mit der Gesellschaft ist es elementar, dass Wissenschaft mit all ihren Individuen resonanzfähig ist für gesellschaftliche Fragestellungen und Belange.
Diskussionspunkte und Spannungsverhältnisse
- Wie verträgt sich der Anspruch exzellenter Wissenschaft mit dem Ziel gesellschaftlicher Nahbarkeit? Wie können Zielkonflikte mit anderen Leistungsansprüchen und Erwartungen in Balance gebracht werden?
- Worin liegen die Grenzen für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bzw. für wissenschaftliche Einrichtungen, Brücken zwischen akademischen und nichtakademischen Sphären zu bauen? Wie kann eine kritische Reflexion durch unabhängige Medien dabei unterstützen und herausfordern; insbesondere unter sich rasch ändernden Rahmenbedingungen?
- Was ist nötig, damit die Vermittlung wissenschaftlichen Wissens in die Gesellschaft konsequent als Bestandteil akademischer Sozialisation eingeübt wird? Wie wird verhindert, dass Kommunikation, Beteiligung und Dialog nicht als zusätzliche Arbeit oder Zusatzlast nur einzelner Beschäftigter institutionalisiert wird?
- Welche Chancen und Risiken bieten digitale Medien mit ihren je spezifischen Kommunikationslogiken, die oft von Beschleunigung, Zuspitzung und hoher Sichtbarkeit geprägt sind? Welche Formate, Kompetenzen und institutionellen Schutzräume sind erforderlich, damit Wissenschaftskommunikation auch dort sachorientiert, transparent und dialogfähig bleibt?
- Welches Schnittstellenmanagement und ggf. welche Schutzmechanismen sind erforderlich, wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch als Privatpersonen öffentlich engagiert sind? Welche Anforderungen bestehen wiederum seitens der wissenschaftlichen Einrichtungen, wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auch als Privatpersonen öffentlich agieren?
- Wie müssen Zeitressourcen und Reputationsmechanismen verändert werden, um den Stellenwert nahbarer wissenschaftlicher Praxis zu erhöhen? Welche Ressourcen benötigen wissenschaftliche Einrichtungen, um Kommunikation und wechselseitigen Austausch mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen zu erhöhen bzw. dauerhaft zu ermöglichen?
Impuls 8 – Mit Studierenden gemeinsam Wissenschaft in der Gesellschaft gestalten
Die rund 2,9 Millionen Studierenden sind die größte und dabei besonders heterogene Gruppe im Wissenschaftssystem und als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren demokratierelevanter Werte und Fähigkeiten zentral. Sie stellen eine maßgebliche Brücke zwischen Wissenschaft und Gesellschaft dar und leisten (auch als akademische Fachkräfte von morgen) einen bedeutenden Beitrag zur Stärkung der Demokratie.
Diskussionspunkte und Spannungsverhältnisse
- Werden Studierende konsequent als wichtiger Teil des Wissenschaftssystems wahrgenommen und nehmen sie sich selbst so wahr?
- Welche Hürden erschweren die Beteiligung von Studierenden an der Gestaltung des Hochschulalltags, des Campuslebens, der Curricula und der Forschungsaktivitäten und wie können sie abgebaut werden? Wie kann die Interaktion von Studierenden und Lehrenden (auch unter Berücksichtigung technischer Innovationen) weiterentwickelt werden?
- Auf welche Weise können studentische Vertretungen, hochschulische Gremien und Beteiligungsformate so gestaltet werden, dass sie unterschiedliche Gruppen der Studierendenschaft erreichen, transparent arbeiten und als wirksame Formen der Mitgestaltung wahrgenommen werden?
- Wie können Studierende in ihren jeweiligen Qualifikationsphasen noch besser bei ihrer Entwicklung zu kritischen und verantwortungsbereiten Akteuren unterstützt bzw. als solche ernst genommen werden? Wie können Studierende motiviert und darin unterstützt werden, gesellschaftliche Verantwortung anzunehmen, die mit der fachlichen Kompetenz einhergeht? Welche Rolle spielen die Schulen, an denen die Grundlagen demokratischer Bildung gelegt werden?
- Inwiefern ist die unterausgeprägte Relevanz der Lehre im wissenschaftlichen Reputationssystem problematisch für die Anerkennung und Stärkung der Studierenden als Teil des Wissenschaftssystems (und folglich der Gesellschaft)? Wie kann dies adressiert werden?
- Was müssen Hochschulen im eigenen Interesse tun, um den Rückhalt durch und für die Studierenden und (späteren) Absolventinnen und Absolventen bei Angriffen auf das Wissenschaftssystem zu stärken?
Impuls 9 – Führungsverantwortung in der Wissenschaft partnerschaftlich und prinzipiengeleitet wahrnehmen
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler tragen aufgrund ihrer verfassungsrechtlich garantierten Freiheit eine individuelle wie institutionelle Verantwortung in der freiheitlich-demokratisch verfassten Gesellschaft. Dazu gehört, die eigenen Praktiken, Interessenbindungen und institutionellen Strukturen fortlaufend zu reflektieren und die Grundlagen wissenschaftlicher Arbeit gegenüber der Gesellschaft integer, transparent und glaubwürdig zu vertreten. An der Schnittstelle zur außerakademischen Öffentlichkeit ist das Leitungspersonal in besonderer Verantwortung – sowohl mit Blick auf seine persönliche Führungskompetenz als auch auf die professionellen Strukturen der Institutionen.
Diskussionspunkte und Spannungsverhältnisse:
- Welche Kompetenzen und Unterstützungsmaßnahmen benötigen Leitungspersonen bzw. Mitglieder der Leitungsgremien für Konfliktmoderation, Krisenkommunikation, Personalführung, Antidiskriminierung, Wissenschaftskommunikation und den Umgang mit politischen Einflussversuchen? Inwiefern kann sichergestellt werden, dass umfänglich qualifizierte Leitungen durch Auswahl-, Berufungs- und Besetzungsverfahren gewonnen werden?
- Welche Kompetenzen, Unterstützungs- und ggf. Schutzmaßnahmen benötigen Leitungspersonen?
- Welche Rolle spielen Hochschulräte, Kuratorien, Aufsichtsgremien und Förderorganisationen bei der Stärkung einer verantwortungsvollen Führungskultur? Welchen Einfluss hat die Besetzung dieser Gremien mit außerwissenschaftlichem Personal, um einer verantwortungsvollen Führungskultur nachzukommen?
- In welchem Verhältnis steht eine verantwortungsvolle Führungskultur mit der akademischen Selbstverwaltung? Worin bestehen Weiterentwicklungsbedarfe in dem jeweiligen Rollenverständnis bzw. der Governance?
- Wie können Machtasymmetrien im Wissenschaftssystem strukturell abgebaut werden? Welche Schutz- und Beschwerdestrukturen benötigen Beschäftigte in prekären oder abhängigen Positionen, damit sie Missstände, Diskriminierung, wissenschaftliches Fehlverhalten oder unzulässigen politischen Druck ansprechen können, ohne Nachteile befürchten zu müssen?
Impuls 10 – Wissenschaft unter Druck solidarisch stärken
Solidarität zwischen Individuen, Institutionen und über Fächer hinweg ist ein besonders wirksames Mittel, um wissenschaftsschädigende Ein- und Angriffe abzuwehren und die Wirksamkeit der Wissenschaft für die freiheitlich-demokratisch verfasste Gesellschaft zu erhalten. Gerade in einem verteilten, heterogenen und institutionell fragmentierten System wie dem deutschen Wissenschaftssystem ist das besonders wichtig. Solidarität entfaltet ihre Wirkung vor allem dann, wenn sie vom gesamten Wissenschaftssystem gelebt, durch das Leitungspersonal verkörpert, in Kooperationen und Verbünden institutionalisiert und über Allianzen innerhalb und außerhalb der Wissenschaft ausgebaut wird.
Diskussionspunkte und Spannungsverhältnisse
- Was braucht es für eine solidarische(re) Wissenschaftscommunity? Wie muss dabei mit dem der Wissenschaft inhärenten Konkurrenz- und Wettbewerbsprinzip umgegangen werden, das in Spannung zu Solidarität stehen kann? Wie ist gewährleistet, dass Aufklärung von Fehlverhalten oder Einforderung von Rechenschaft nicht als unsolidarisch verurteilt werden?
- Welche Verantwortung tragen wissenschaftlich besonders sichtbare oder ressourcenstarke Einrichtungen und Forschungsverbünde für andere Bereiche des Wissenschaftssystems? Inwiefern wären (finanzielle, kapazitäre, etc.) Ausgleichs- oder Unterstützungsmechanismen zwischen großen und kleinen wissenschaftlichen Einrichtungen realisierbar?
- Welche Schutzmechanismen werden benötigt, wenn einzelne Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, wissenschaftliche Einrichtungen oder Teile des Wissenschaftssystems angegriffen werden? Was ist zu tun, damit Verantwortlichkeiten zur Organisation von Solidarität nicht diffundieren? Wie reagiert die Wissenschaftsgemeinschaft darauf, wenn ein Mitglied ihrer Gemeinschaft angegriffen wird? Welche verbindlichen Formen sollte Solidarität ggf. annehmen?
- Welche Rolle spielen räumliche Nähe und lokale bzw. regionale Verankerung wissenschaftlichen Personals dabei, Solidarität nach innen und außen zu organisieren und langfristig Verantwortung für das gesellschaftliche und politische Umfeld einer wissenschaftlichen Einrichtung zu übernehmen? Inwiefern gefährdet individuelle Exponiertheit solidarisches Handeln? Wie kann dieses Risiko vermieden bzw. reduziert werden?
- Wie können gemeinsame Verantwortung und tragfähige Allianzen in einem institutionell stark fragmentierten System gefördert werden? Wie gelingt Solidarität in einem föderalen System und inwiefern müsste dieses zum Zwecke einer verstärkten Solidarität (anstelle eines föderalen Wettbewerbs) weiterentwickelt werden?
- Wie kann wissenschaftliche Solidarität Angriffe wirksam abwehren, ohne in einen Corpsgeist umzuschlagen, der berechtigte äußere Kritik, eigene Fehler oder Fehlverhalten in den eigenen Reihen nach außen abschirmt?
Ausblick: Von den Impulsen zum Dialog
Das Impulspapier zur Wissenschaft in der freiheitlich-demokratisch verfassten Gesellschaft versteht sich in erster Linie als Plädoyer und Diskursanregung: Der Wissenschaftsrat ermutigt alle Akteure des Wissenschaftssystems, der (Wissenschafts‑)Politik und der hier übergreifend als Gesellschaft adressierten Teilbereiche wie Wirtschaft, Kultur, Medien oder Zivilgesellschaft, die Impulse sowie die aufgeworfenen Fragen, Anregungen und Spannungsverhältnisse in gemeinschaftlichen Prozessen zu erörtern. Nachgedacht werden soll dabei insbesondere über den Beitrag der Wissenschaft für das Funktionieren und die Weiterentwicklung der Demokratie in Deutschland. Dies ist eine wichtige Ergänzung der Debatte rund um die Resilienz der Wissenschaft und den Erhalt der Wissenschaftsfreiheit.
Im Wissenschaftssystem gibt es hierfür bereits vielfältige Aktivitäten und Anknüpfungspunkte, die für die vorliegenden Impulse einen vielstimmigen Resonanzraum dargestellt haben: An vielen Orten wird bereits mit großer Ernsthaftigkeit und hohem Engagement das Verhältnis von Demokratie und Wissenschaft, die Resilienz der Wissenschaft oder der Schutz der Wissenschaftsfreiheit in Zeiten des Umbruchs verhandelt. Hochschulen und Forschungseinrichtungen, Fachgesellschaften und Wissenschaftsorganisationen, Förderorganisationen und Stiftungen ebenso wie politische Institutionen und gesellschaftliche Akteure befassen sich implizit oder explizit mit der Bedeutung von Wissenschaft für die freiheitlich-demokratisch verfasste Gesellschaft und vice versa. In Deutschland und international sind darüber hinaus zahlreiche Plattformen, (Bottom-up-)Netzwerke, Programme und Initiativen entstanden, in denen Debatten geführt, Erfahrungen zusammengebracht und eigene Zugänge entwickelt werden. Diese Vielfalt macht zugleich deutlich, dass das Verhältnis von Wissenschaft und demokratisch verfasster Gesellschaft komplex ist und sich nicht aus einer einzelnen institutionellen Perspektive abschließend bestimmen lässt. Dies schließt eine Reflexion auch in den außerwissenschaftlichen Feldern ein, wodurch möglichst alle Teilbereiche der freiheitlich-demokratisch verfassten Gesellschaft angesprochen sind.
Gerade deshalb braucht die Auseinandersetzung Verbindungen zwischen unterschiedlichen Erfahrungsräumen und Gelegenheiten, bei denen Perspektiven aufeinandertreffen, die im Alltag des Wissenschaftssystems nicht selbstverständlich zusammenkommen. Im Zusammenhang mit den in diesem Papier formulierten Impulsen, Anregungen und Fragen wird der Wissenschaftsrat unterschiedliche Formate mit initiieren und sich am Austausch und weiteren gemeinsamen Nachdenken aktiv beteiligen. Der Wissenschaftsrat versteht die Veröffentlichung des Impulspapiers daher nicht als Abschluss, sondern als Auftakt eines langfristigen Dialogs. Er lädt dazu ein, die aufgeworfenen Fragen und Spannungsverhältnisse gemeinsam weiterzudenken, unterschiedliche Positionen miteinander ins Gespräch zu bringen und tragfähige Antworten auf die Frage zu suchen, wie der Ort der Wissenschaft in der freiheitlich-demokratisch verfassten Gesellschaft weiterentwickelt werden kann.