Wissenschaftsrat

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Gemeinsam statt allein: Wie Hochschulen demografieresilient werden 

Ausgabe 25 | 2026
Datum 02.11.2026

WR sieht demografischen Wandel als historische Chance für Neuausrichtung und Kooperation der Hochschulen

Eine alternde Gesellschaft, regionale Bevölkerungsverschiebungen und Zuwanderung fordern die Hochschulen gleich doppelt: Zum einen leisten sie einen gesamtgesellschaftlich zentralen Beitrag zur Fachkräftesicherung und Stärkung strukturschwacher Regionen, zum anderen sind sie selbst von grundlegend veränderten Rahmenbedingungen des Hochschulsystems betroffen. Nach Jahrzehnten wachsender Studierendenzahlen stehen viele Hochschulen nun vor Konsolidierung und strukturellen Verschiebungen, mit erheblichen regionalen Unterschieden. 

Manche Standorte rechnen weiterhin mit stabilen Studierendenzahlen, andere müssen sich auf Rückgänge einstellen. In seinem Papier „Strategische Gestaltungsfähigkeit von Hochschulen in Zeiten des demografischen Wandels“ empfiehlt der Wissenschaftsrat Hochschulen, Ländern und dem Bund, den Wandel als Gelegenheit zur Erneuerung zu begreifen und regt einen neuen gesamtgesellschaftlichen Konsens über Stellenwert und zukünftige Ausgestaltung von Bildung entlang der gesamten Bildungskette an.

Gemeinschaft ist eine der zentralen Botschaften des Papiers, betont der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Wolfgang Wick: „Den demografischen Wandel kann keine Hochschule allein bewältigen. Einzelgängern droht das Aus. Die Hochschulen müssen auf Zusammenarbeit setzen, etwa indem sie Infrastrukturen gemeinsam nutzen und Studienangebote abstimmen. Fächer, die an einzelnen Standorten nicht mehr tragfähig sind, könnten beispielsweise durch Verbünde gesichert werden.“ Der Wandel sei eine historische Chance, eine Verantwortungsgemeinschaft aus Hochschulen, Ländern, Bund, Wirtschaft und Gesellschaft zu bilden und die Hochschulen weiterzuentwickeln, so Wick.  

Zentral ist aus Sicht des Wissenschaftsrats, die vorhandenen Studierendenpotenziale besser auszuschöpfen. Das gilt für bislang unterrepräsentierte Gruppen – Erstakademikerinnen und Erstakademiker, Studierende mit Migrationshintergrund oder berufsbegleitend Studierende – ebenso wie für internationale Studierende. Sie zu gewinnen und zu halten zählt zu den wirksamsten Mitteln der Fachkräftesicherung für die alternde Gesellschaft. Zugleich werden Hochschulen so zu Orten der Integration und der Chancengerechtigkeit – angesichts der sozialen Selektivität des deutschen Bildungssystems ist das von großer Bedeutung. Der Wissenschaftsrat rät den Hochschulen, flexible Studienformate wie Teilzeit-, Online- und Hybridangebote auszubauen. Im Bachelor sollten sie verstärkt generalistische Studiengänge anbieten und die Studieneingangsphase durch Orientierungsangebote erleichtern. Zielgerichtete Beratungs- und Unterstützungsangebote sind ebenso essenziell wie die Verbesserung der Wohnraumversorgung in Kooperation mit den Kommunen und Studierendenwerken.

Der Wissenschaftsrat empfiehlt den Ländern, Strategische Hochschulsystementwicklungsforen zu initiieren, in denen Hochschulen gemeinsam mit Kommunen, Wirtschaft und Bildungseinrichtungen über Studienangebot, Kapazitäten und Profile beraten, ohne die institutionelle Autonomie anzutasten. Die Hochschulfinanzierung sollte stärker von den Studierendenzahlen entkoppelt werden und stattdessen Profilbildung, Qualitätsverbesserungen und Verbundstrategien belohnen. Außerdem sollen mehrjährige Hochschulverträge mit verlässlichen Finanzierungszusagen genutzt und gesellschaftlich relevante Studienangebote gezielt gefördert werden. Die Akkreditierung und Genehmigung neuer Studiengänge sowie länderübergreifende Kooperationen sollten die Länder erleichtern. Die Länder müssen Freiräume zulassen, strategiegeleitete Agilität von Hochschulen ermöglichen und daraus resultierende Entscheidungen mittragen.

Der Bund sollte insbesondere die vereinbarte BAföG-Reform umsetzen und eine Weiterentwicklung auf flexible Studienwege prüfen. Zudem ist er gemeinsam mit den Ländern gefordert, die Förderinstrumente für bezahlbaren Wohnraum bedarfsbezogen weiterzuentwickeln und die Finanzierungssituation der Studierendenwerke zu verbessern.

Demografieresiliente Hochschulen brauchen ein klares Profil, eine eindeutige strategische Positionierung und eine klare Vorstellung davon, welche Zielgruppen sie erreichen wollen. Partnerschaften mit anderen Hochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen, Schulen, Unternehmen oder sozialen Einrichtungen gehören zu diesem Profil. Um es zu entwickeln und umzusetzen, braucht es eine handlungsfähige Hochschulleitung ebenso wie strategiefähige Fakultäten, Fachbereiche und Departments. Diese mittlere Ebene ist personell und durch professionelles Management zu stärken. Hinzu kommt der Generationenwechsel beim Hochschulpersonal: Er verlangt, dass Hochschulen als Arbeitgeber deutlich attraktiver werden – für wissenschaftliches wie nichtwissenschaftliches Personal.

Die Empfehlungen im Einzelnen:

1 – Strategische Positionierung

Empfehlungen an die Hochschulen:

  • Jede Hochschule ist aufgefordert, aufsetzend auf einer umfassenden Standortbestimmung ein klares institutionelles Profil zu entwickeln und dabei den demografischen Wandel mit seinen Auswirkungen auf die Zahl und Zusammensetzung der Studierenden und des Personals zu berücksichtigen: u. a. sollten Zielgruppen definiert und Studienangebot, Services sowie Ausstattung konsequent darauf ausgerichtet werden.

  • Strategische Partnerschaften mit anderen Hochschulen und außerhochschulischen Akteuren, wie außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, Schulen, Unternehmen oder soziale Einrichtungen, sind als Teil des Profils und seiner wirksamen Umsetzung zu verstehen. Demografiebedingte Personalwechsel bieten eine strategisch zu nutzende Chance für die Implementierung eines neuen Profils.

  • Hochschulentwicklungs- und Forschungsstrategien sollten durch klare Abbildung in der Ressourcen- und Personalplanung verbindlicher werden.

2 – Handlungsfähige Governance-Strukturen

Empfehlungen an die Hochschulen:

  • Die Entwicklung und Umsetzung des Profils verbunden mit dem Erhalt institutioneller Agilität erfordert eine handlungsfähige Hochschulleitung ebenso wie strategiefähige dezentrale Einheiten. Die als Scharnier und Impulsgeber fungierende mittlere Ebene (Fakultäten, Fachbereiche, Departments o. ä.) ist durch eine angemessene personelle Ausstattung sowie ein professionelles Management zu stärken.

  • Die Einführung von Department-Strukturen mit flachen Hierarchien, geteilter Verantwortung und gemeinsamen Ressourcen kann ein weiteres geeignetes Mittel zur Stärkung der dezentralen Einheiten sein.

Empfehlung an die Länder:

  • Die Länder sollten rechtliche Rahmenbedingungen anpassen, soweit erforderlich, um die Weiterentwicklung von Leitungs- und Organisationsstrukturen zu unterstützen.

3 – Weiterentwicklung des Studienangebots

Empfehlungen an die Hochschulen:

  • Hochschulen sollten ihr Studienangebot strategisch weiterentwickeln, um auf veränderte Bedarfe von Studierenden, Arbeitsmarkt und Gesellschaft zu reagieren, bedarfsorientiert gezielt Studierende zu gewinnen und ihren Studienerfolg zu sichern. Kurzfristige Nachfragelogik darf dabei nicht den Ausschlag geben: Anpassungen des Studienangebots sind stets inhaltlich zu begründen und in die strategische Gesamtentwicklung einzubetten. Ebenso sollten die Studiengänge curricular den neuen Herausforderungen angepasst werden.

  • Für die breitere Ausschöpfung des Studierendenpotenzials und die Vorbereitung auf einen dynamischen Arbeitsmarkt bekräftigt der Wissenschaftsrat nachdrücklich seine Empfehlung, im Bachelorstudium stärker generalistische, fachlich breit angelegte Studiengänge anzubieten, auch mit dem Effekt einer Reduzierung der Zahl der Studiengänge; eine vertiefte Spezialisierung sollte erst im Master erfolgen.

  • Flexible Studienformate – Teilzeit, Online- und Hybridangebote –, aber auch duale und praxisbezogene Studiengänge sollten systematisch ausgebaut werden; dabei ist die essenzielle Funktion der akademischen Sozialisation besonders zu berücksichtigen. Der Wissenschaftsrat empfiehlt nachdrücklich, die Studierenden in die Gestaltung der Studiengänge partnerschaftlich einzubeziehen.

  • Zu berücksichtigen ist die Verantwortung der Hochschulen, das Fächerspektrum im Gesamtsystem zu erhalten, auch durch hochschulübergreifende Kooperationen.

Empfehlung an die Länder und den Bund:

  • Die Rahmenbedingungen für wissenschaftliche Weiterbildung – insbesondere Gebührenpflicht, Lehrdeputatsanrechnung und institutionelle Finanzierung – sind systematisch zu überprüfen und ggf. anzupassen, um Rechtssicherheit für die Hochschulen im Rahmen des geltenden EU-Rechts zu schaffen.

Empfehlung an die Länder:

  • Die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Anpassung der Studienangebote und Studienformate – insbesondere die Studiengangsakkreditierung und die Genehmigung neuer Studiengänge – sollten überarbeitet werden, um den Hochschulen schnelleres Handeln in diesem Bereich zu ermöglichen.

  • Den Ländern empfiehlt der Wissenschaftsrat, ein Monitoring des Studienangebots vorzunehmen. Insbesondere ist die Entwicklung kleiner Fächer zu beobachten und der Bericht der „Arbeitsstelle Kleine Fächer" alle zwei Jahre in der Wissenschaftsministerkonferenz der Kultusministerkonferenz (WissMK) zu beraten.

4 – Studieneingangsphase und Übergänge

Empfehlungen an die Hochschulen:

  • Hochschulen sollten Orientierungsstudienangebote und strukturierte Kooperationen mit Schulen und Berufsberatungseinrichtungen nutzen, um den Übergang an die Hochschule zu erleichtern, proaktiv und zielgruppenspezifisch unterrepräsentierte Gruppen anzusprechen und das Studierendenpotenzial besser auszuschöpfen.

  • Für die Ausschöpfung der Potenziale internationaler Studierender ist die Etablierung valider Auswahlverfahren und eine realistische Erwartungssteuerung essenziell, um die Passung zwischen individuellen Voraussetzungen und institutionellen Anforderungen zu verbessern.

  • Englischsprachige Einstiegsangebote und eine systematisierte Vermittlung von Deutschkenntnissen sollten als aufeinander aufbauende Phasen einer integrierten Sprachenstrategie verstanden und umgesetzt werden.

Empfehlung an die Länder, an den Bund und an die Hochschulen:

  • Für die Erhöhung der Chancengerechtigkeit ist mit Unterstützung der Länder ein systematischer, hochschulübergreifender Ansatz und strukturierter Outreach zu den Schulen erforderlich.

  • Anerkennungs- und Anrechnungsverfahren sind zu vereinfachen, zu beschleunigen und länderübergreifend zu harmonisieren; dies sowie verlässliche Visavergabe durch die zuständigen staatlichen Ebenen sind unabdingbare Voraussetzungen für eine wirksame Internationalisierungsstrategie.

5 – Beratungs- und Unterstützungsstrukturen

Empfehlungen an die Hochschulen:

  • Beratungs- und Unterstützungsangebote, einschließlich der psychosozialen Beratung, sollten über die gesamte Studienlaufbahn integriert, niedrigschwellig, mehrsprachig und diskriminierungssensibel ausgestaltet werden. Die Gesamtverantwortung dafür sollte auf Hochschulleitungsebene verankert werden, wo erforderlich in Kooperation mit den Studierendenwerken.

  • Zur Erhöhung des Studienerfolgs sollten Hochschulen Studierende, die von Studienabbruch bedroht sind, frühzeitig identifizieren und durch niedrigschwellige Beratungsangebote sowie zielgruppenspezifische Studiengestaltung unterstützen.

  • Frühzeitige Studienfinanzierungsberatung – in Kooperation mit Schulen und Berufsberatungseinrichtungen – ist auszubauen; ergänzend sollten Kooperationen mit der Wirtschaft genutzt werden, um durch Stipendien, Werkstudierendenprogramme und duale Formate zusätzliche Finanzierungsoptionen zu erschließen.

  • Hochschulen sollten internationale Studierende durch gute Koordination zwischen Hochschulen und den zuständigen Behörden im Sinne der Studierenden unterstützen und den Austausch mit Unternehmen frühzeitig begleiten, um die Verbleibperspektiven zu verbessern und den Übergang in den regionalen Arbeitsmarkt zu erleichtern.

Empfehlung an den Bund:

  • Die vereinbarte BAföG-Reform sollte umgesetzt und fortlaufend geprüft werden, inwieweit – auch im Hinblick auf demografiebedingte Herausforderungen – eine Weiterentwicklung auf flexible Studienwege geboten erscheint.

6 – Hochschulmarketing

Empfehlungen an die Hochschulen:

  • Staatliche Hochschulen sollten Hochschulmarketing – einschließlich professionellem Arbeitgeberbranding und digitalen Formaten – institutionell verankern. Kooperative Marketingformate und eine koordinierte Vermarktung des Hochschulstandorts Deutschland bieten dabei erhebliche, bislang unzureichend genutzte Potenziale.

  • Alumninetzwerke sind als zielgenaues Empfehlungsmarketing in den Herkunftsregionen zu nutzen.

7 ­– Wohnraum und soziale Infrastruktur

Empfehlung an die Hochschulen:

  • Hochschulen sind aufgefordert, gemeinsam mit Studierendenwerken und Kommunen aktiv bei der Wohnraumversorgung zu unterstützen und dabei besonders vulnerable Gruppen gezielt in den Blick zu nehmen. Dies ist insbesondere für die Standorte essenziell, die nicht von einem Rückgang der Studierendenzahlen ausgehen.

Empfehlung an die Länder und den Bund:

  • Die Länder und der Bund sollten die Möglichkeit prüfen, die Förderinstrumente für bezahlbaren Wohnraum bedarfsbezogen weiterzuentwickeln und die Finanzierungssituation der Studierendenwerke zu verbessern.

8 – Barrierefreiheit und Diversitätssensibilität

Empfehlungen an die Hochschulen:

  • Konsequente Barrierefreiheit – baulich, digital und strukturell – ist als integraler Bestandteil von Studienformaten und Hochschulbauten zu berücksichtigen.

  • Grundlage all dessen ist ein konsequent diversitätssensibles Selbstverständnis der Hochschulen, das sich in Strukturen, Curricula, Beratung und Personalzusammensetzung gleichermaßen niederschlägt.

9 – Personalstrukturen

Empfehlung an die Hochschulen und die Länder:

  • Der Wissenschaftsrat bekräftigt seine Empfehlung, Personalstrukturen für das wissenschaftliche und wissenschaftsnahe Personal durch diversifizierte, planbare Stellenoptionen mit einem höheren Anteil selbständiger, unbefristeter Beschäftigung und besserer Durchlässigkeit zum außerakademischen Arbeitsmarkt zu modernisieren. Diese Modernisierung sollte länder- und hochschulübergreifend koordiniert erfolgen.

Empfehlungen an die Hochschulen:

  • Familienfreundliche Karrieremodelle in allen Personalkategorien und mehrsprachige Arbeitsumgebungen sind zentrale Instrumente, um insbesondere Frauen und internationale Fachkräfte besser zu gewinnen und zu halten. Vor allem Hochschulen für Angewandte Wissenschaften/Fachhochschulen (HAW/FH) sollten zudem gezielt Kooperationen mit außerakademischen Arbeitgebern nutzen, um – etwa durch Tandem-Stellen – die Fachkräftesicherung kooperativ auszugestalten.

  • Verwaltungs- und Technikpersonal ist bei der strategischen Personalplanung ausdrücklich einzubeziehen.

10 – Kooperationen und Verbünde

Empfehlungen an die Hochschulen:

  • Der Wissenschaftsrat appelliert nachdrücklich an die Hochschulen, hochschulübergreifende Kooperationen und formalisierte Verbünde als verlässliche, auch über Leitungswechsel hinweg tragfähige Strukturen zu nutzen – für die gemeinsame Nutzung von Infrastrukturen, die Abstimmung von Studien­angeboten sowie koordinierte Personal- und Marketingstrategien – und sie mit Bottom-up-Initiativen aus den Fächergemeinschaften zu unterlegen.

  • Fächer, die an einzelnen Standorten nicht mehr erhaltensfähig sind resp. im Sinne einer komplementären Profilbildung der Hochschulen an einzelnen Standorten bewusst nicht mehr vorgehalten werden sollen, sollten durch hochschulübergreifende Forschungs- und Lehrverbünde sowie abgestimmte Standortkonzentration gesichert werden.

  • Hochschulen sollten ihre Angebote strategisch mit denen der Studierendenwerke verzahnen, gemeinsam mit den Kommunen aktiv zur Standortattraktivität beitragen und formalisierte Allianzen mit Kommunen und Unternehmen eingehen, um den Übergang in den regionalen Arbeitsmarkt zu verbessern.

  • Wirtschaft, Stiftungen und zivilgesellschaftliche Akteure sollten gezielt einbezogen werden, um Zugänge zu unterrepräsentierten Gruppen zu erschließen und Absolventinnen und Absolventen regional zu binden.

  • Die deutsche Hochschullandschaft, die bereits durch Auslandsbüros einzelner Hochschulen und Verbünde in vielen Ländern vertreten ist, sollte international stärker koordiniert auftreten; der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) sollte dabei eine koordinierende Rolle übernehmen.

Empfehlung an die Länder:

  • Die Länder sind aufgefordert, Kooperationen – auch länderübergreifende Verbünde – rechtlich zu erleichtern und gezielt zu fördern, jedoch ausdrücklich nicht als Instrument der Kosteneinsparung, da erzwungene Verbünde das institutionelle Vertrauen untergraben.

11 – Systemische Koordination und Datenbasis

Empfehlungen an die Länder:

  • Die Länder sollten Strategische Hochschulsystementwicklungsforen (SHEFs) auf Landesebene mit – wo sinnvoll – länderübergreifenden Elementen initiieren, an denen staatliche und private Hochschulen sowie bedarfsweise Kommunen, Wirtschaft und der nichttertiäre Bildungssektor mit- und zusammenwirken. Die Federführung für Ausgestaltung und Umsetzung liegt bei den Hochschulen. Die Foren dienen dem Austausch über Kapazitätsentwicklungen, Profilierungsstrategien und systemweite Arbeitsteiligkeit (sprich: komplementäre Profile). Sie ermöglichen kollektive Reaktionsfähigkeit auf demografische Veränderungen, ohne die institutionelle Autonomie der Hochschulen einzuschränken.

  • Private Hochschulen sind bei der Systementwicklung einzubeziehen – etwa in den SHEFs –, und zwar nach dem Grundsatz der Reziprozität: Wer Akteur im Bildungssystem ist, trägt Verantwortung für das Gesamtsystem.

  • Die Fachkräftequalifizierung in gesellschaftlich bedeutsamen Feldern ist als Kernaufgabe der SHEFs zu verstehen. In den Fällen, in denen diese Felder bzw. Fächer überproportional im privaten Sektor ausgebaut werden, empfiehlt der Wissenschaftsrat, einen bedarfsorientierten Ausbau der Kapazitäten im staatlichen Sektor länderübergreifend zu prüfen.

Empfehlung an die Länder und den Bund:

  • Die Bildungs-ID sollte datenschutzkonform für Forschung und Systemsteuerung nutzbar gemacht und mit anderen Datenerhebungen verknüpft werden. Sie verbessert die Nachvollziehbarkeit von Bildungsbiografien und stärkt damit die Lernfähigkeit des Hochschulsystems.

12 – Verlässliche Hochschulfinanzierung

Empfehlung an die Hochschulen:

  • Hochschulen mit rückläufigen Studierendenzahlen sollten entstehende Spielräume für Qualitätsverbesserungen nutzen und Good Practices proaktiv teilen.

Empfehlungen an die Länder:

  • Die Länder sollten das Gewicht der Studierendenzahlen in ihren jeweiligen Hochschulfinanzierungsmodellen verringern und stattdessen strategische Profilbildung, Qualitätsverbesserungen sowie kooperative Verbundstrategien gezielt honorieren.

  • Mehrjährige Hochschulverträge mit verlässlichen Finanzierungszusagen sind als Instrumente strategischer Planungssicherheit konsequent zu nutzen.

  • Für grundlagenrelevante, aber nachfrageschwache Studienangebote sind Sonderfinanzierungen und Anreizmechanismen zu entwickeln, die kooperative Verbundlösungen ausdrücklich einschließen.

  • Hochschulen mit heterogenerer Studierendenschaft benötigen entsprechend mehr Ressourcen je Studierenden – insbesondere für Beratung, flexible Studienformate, Barrierefreiheit und Diversitätssensibilität.

Ausblick

Der demografische Wandel stellt – neben weiteren Herausforderungen, zu nennen ist insbesondere Künstliche Intelligenz – das deutsche Hochschulsystem vor eine strukturelle Transformationsaufgabe. Ihr genaues Ausmaß ist nicht vorhersehbar, doch ihre grundlegende Richtung ist absehbar. Umso wichtiger ist es, die Voraussetzungen für ein anpassungsfähiges System zu schaffen, das den Wandel nicht als Krise erlebt, sondern als Gelegenheit zur Erneuerung begreift. Wie in den 1960er Jahren könnte auch heute ein breiter gesellschaftlicher Konsens über den Stellenwert und die Funktion von Hochschulbildung und eine grundlegendere Reform der sie tragenden Institutionen nötig sein.

Transformierte, demografieresiliente Hochschulen sind ein wesentlicher Baustein, um der gesamtgesellschaftlichen Herausforderung des demografischen Wandels zu begegnen und auch die Chancen des Wandels zu realisieren. Sie allein genügen jedoch nicht. Vielmehr braucht es ein demografieresilientes Gesamtsystem, das mehr ist als die Summe demografieresilienter Einzelinstitutionen: Es erfordert eine systemische Koordination, die gezielt Kapazitäten dort aufbaut, wo Nachfragewachstum zu erwarten ist, und strukturelle Überkapazitäten dort verantwortungsvoll abbaut, wo sie entstehen.

Beides gelingt nur in einer schärfer konturierten Verantwortungsgemeinschaft zwischen Hochschulen, Ländern, Bund sowie Wirtschaft und Gesellschaft, in der kurzfristige Bedarfe mit langfristiger Verantwortung abgewogen und tragfähige Entscheidungen gemeinschaftlich vorbereitet werden.

Hochschulen, die sich profilieren, priorisieren und ihren gesellschaftlichen Auftrag zukunftsoffen verstehen, werden gestaltende Akteure des Wandels sein – nicht getriebene. Gleiches gilt dann für die an Hochschulen sozialisierten und qualifizierten Menschen.