Kritisches Denken lässt sich nicht an eine KI delegieren
WR fordert Intellektuelle Souveränität als Leitidee für den Umgang mit KI in der Hochschulbildung
Ausgabe 15 | 2026
Datum 06.07.2026
Der Einsatz generativer Künstlicher Intelligenz eröffnet Hochschulen weitreichende Möglichkeiten, Lehre und Studium weiterzuentwickeln. Der Zugang zu Wissensinhalten kann verbessert werden. Lernunterstützung lässt sich personalisieren. Es sind neue Formen von Feedback, kreative Gestaltung von Lehrmaterialien sowie Fortschritte in Barrierefreiheit und Inklusion möglich. Dem gegenüber stehen grundsätzliche Risiken. So könnte der Einsatz von KI die Fähigkeit zu selbstbestimmtem Denken beeinträchtigen, zu Kompetenzverlust und Fehlinformiertheit führen sowie den fachlichen und sozialen Austausch einschränken. Für die Hochschulbildung bedeutet die Einführung generativer KI mehr als nur technische und instrumentell-prozedurale Anpassungen, sie berührt den Kern akademischen Denkens und erfordert eine grundsätzliche Positionierung.
Quelle: KI
In seinen „Empfehlungen für die Hochschulbildung in Zeiten generativer KI“ plädiert der Wissenschaftsrat (WR) für „Intellektuelle Souveränität“ als Leitidee, die den Hochschulen und allen beteiligten Akteuren Orientierung bieten und für den Umgang mit generativer KI leitend sein soll. Gefordert sind Autonomie, kritische Reflexion und Widerstand gegen Vereinfachung.
„Wir müssen die unabhängige menschliche Urteilsfähigkeit in einer Welt erhalten, die immer mehr algorithmisch durchdrungen ist. Kritisches Denken lässt sich nicht an eine KI delegieren,“ sagt der Vorsitzende des WR, Wolfgang Wick. „Generative KI in die Hochschulbildung zu integrieren wirft Grundsatzfragen auf und bringt neben technischen fachliche, soziale, ethische und ökologische Herausforderungen. Hierfür sind kluge Ansätze gefragt, wie beispielsweise KI-freie Räume als Bestandteil des Studiums.“
Der WR empfiehlt:
- KI-Kompetenzen bei Lehrenden und Studierenden aufzubauen, Fachwissen zu stärken und KI-freie Räume im Curriculum zu verankern, in denen anspruchsvolles eigenständiges Denken gepflegt und geübt werden kann;
- Prüfungsformate umzugestalten und eine Kultur des gegenseitigen Vertrauens zu fördern sowie die Motivation, sich mit schwierigen Aufgaben auch ohne KI-Unterstützung auseinanderzusetzen. Die ist wichtiger als kleinteilige Vorgaben zur KI-Nutzung zu entwickeln, die oft ohnehin kaum kontrollierbar sind. Dabei soll auch das Verhältnis zwischen Lehrenden und Studierenden neu definiert werden;
- Hochschulen als soziale Lernorte wiederzubeleben, indem beispielsweise die persönliche Betreuung intensiviert wird und mehr Möglichkeiten für den sozialen und fachlichen Austausch unter den Studierenden sowie mit dem Lehrpersonal geschaffen werden;
- die Lernwirksamkeit von KI-Anwendungen wissenschaftlich zu prüfen und zu begleiten sowie Förderformate für Begleitforschung zu entwickeln;
- souveräne und leistungsfähige, verbundförmige KI-Infrastrukturen für die Hochschulbildung zu entwickeln, rechtliche Orientierung und Planungssicherheit zu schaffen. Langfristige und verlässliche Konzepte für die Finanzierung und Nutzung von Strukturen – auch hochschul- und länderübergreifend – sind essenziell.
Die notwendige Transformation der Hochschulbildung ist ressourcenintensiv. Sie ist aber nicht optional. Gefordert sind alle Ebenen – von der Hochschulleitung über Lehrende bis zu Studierenden – ebenso wie die Länder und der Bund.